VON
ANDREA ROEDIG
Homosexuelle sind krank. Das scheint die Auffassung deutschsprachiger
Psycho-analytischer
Institute zu sein, die sich schwer tun mit Schwulen und Lesben
in der Zunft. In der Regel werden Homosexuelle, aus mehr oder
weniger offensichtlichen Gründen, nicht zur Psychoanalyse-ausbildung
zugelassen. Nur wenigen gelingt es, an liberaleren Instituten,
zum Beispiel in Frankfurt oder München, unterzukommen. Die
Berufsdiskriminierung in diesem Sektor ist ein offenes Geheimnis,
und sie hat einen einfachen Grund: Die Psychoanalyse kann kranke
Homosexuelle erklären, gesunde nicht.
„Seit 1973 ist Homosexualität aus dem Internationalen
Verzeichnis der Krankheiten (ICD) gestrichen, es gibt nach klinischen
Kriterien gesunde Schwule und Lesben - doch der Psychoanalyse
fehlt eine entsprechende Theorie dazu", konstatiert die promovierte
Germanistin, Fernsehjournalistin und angehende Psychoanalytikerin
Stephanie Castendyk. Sie skizziert, wie eine solche Theorie für
die weibliche Homosexualität aussehen könnte.
Psychoanalytische Erklärungen der Homosexualität sind
seit Freud nicht gerade liberaler geworden. Auch neuere Ansätze
zu weiblicher Homosexualität können, so Castendyk, nicht
recht überzeugen, weil sie entweder die frühe Mutter-Tochter-Beziehung
über Gebühr erotisieren oder Homosexualität immer
noch im Raum einer sehr frühen, also gravierenden, Störung
ansetzen.
Aus diesem frühen, präödipalen Bereich will Castendyk
die Homosexualität als „Krankheit" erlösen.
Dazu bedarf es keiner generellen Revolution. Castendyk, die sich
auf Irene Fast, Francoise Dolto und Jacques Lacan stützt,
setzt einfach die vorhandenen Elemente der psychoanalytischen
Begrifflichkeit anders zusammen.
Der Kern ihrer Überlegungen besteht dar- in, den so genannten
Ödipuskomplex in zwei Phasen zu trennen und zwischen Liebe
und sexuellem Begehren zu unterscheiden. Während Freud das
Begehren als ein Kontinuum ansah, das, in verschiedene Stufen
unterteilt, mit dem Ödipuskomplex zu genitaler Reife gelangt,
nimmt Castendyk qualitativ unterschiedliche Phasen an. Am Anfang
stünde eine Art autoerotischer Omnipotenz, in der das Kind
nichts von einem Geschlechtsunterschied weiß und nicht ein
„anderes Geschlecht" begehrt. Die Kränkung, die
Freud noch „Penisneid" genannt hatte, ließe sich
- für beide Geschlechter reformulieren als die kränkende
Erkenntnis, nur ein Geschlecht, und nicht beide zu sein. Diese
Erkenntnis - als erste Phase des Ödipuskomplexes - beendet
frühkindliche Phantasien über die erotische Allmacht
und schafft Raum für das, was man als Begehren „nach
dem Anderen" bezeichnen kann. Dies erst wäre die eigentliche
Geburtsstunde des sexuellen Begehrens, das nach Castendyk immer
Differenz voraussetzt.
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„Nur
wenn ich eines bin, männlich oder weiblich, kann ich das
andere begehren", argumentiert sie.
Jetzt erst beginnt - als zweiter Schritt - eine eigene „Positionierung"
im erotischen
Dialog. Das Begehrensobjekt steht nicht - wie in Freuds Modell
- schon vorher fest, es wird jetzt erst gewählt und kann,
bei einer bestimmten Konstellation für das Mädchen,
auch die Mutter sein.
Castendyks Modell erlaubt es, Homosexualität jenseits einer
Regression auf eine frühe Entwicklungsphase oder der einer
Störung der sexuellen Reifung zu denken. Homosexualität
wäre einfach eine mögliche Lösung des ödipalen
Konflikts. Eine „spezifische Konfliktsituation" muss
indes vorliegen, denn, meint Castendyk, „Homosexualität
ist nicht der Weg des geringsten Widerstandes, und es bedarf schon
guter Gründe, um sie in unserer Gesellschaft als eine Lösungsstrategie
zu wählen."
Mit der These von der „erotischen Positionierung" hat
Castendyk gleichzeitig ein Rätsel über Bord geworfen,
das Sigmund Freud zurückgelassen hatte: den so genannten
Objektwechsel. Während für den kleinen Jun- gen das
Geschlecht des ersten Liebesobjekts, der Mutter, im Regelfall
mit dem der späteren Sexualpartner übereinstimmt, muss,
nach Freuds Logik, beim Mädchen erklärt werden, wie
sich das erotische Begehren überhaupt auf das männliche
Geschlecht verschiebt. Mit der „erotischen Positionierung"
wäre auch dieses Relikt hinfällig: Die Mutter ist zwar
das erste Liebes-, nicht aber Begehrensobjekt. Das Kind „entscheidet
sich", wenn auch vorbewusst, erst später für ein
Objekt des Begehrens. Ein Objektwechsel vom Mutter zu Vater -
so Castendyks einfache Antwort - findet beim Mädchen gar
nicht statt, der „Wechsel" ist eine Wahl.
Dass sie sich mit ihrem Ansatz genau zwischen die Stühle
der Psychoanalyse-Gemeinde und der Homo-Community setzt, weiß
Castendyk. Die konservativen unter den Lehrpsychoanalytikern werden
weiterhin versuchen, ihre Reihen gegen schwule und lesbische Anwärter
zu schließen. Aus der Ecke der Homosexuellen ist andere
Kritik zu erwarten. Die Kategorien „weiblich" und „männlich",
mit denen Castendyk operiert, gelten bei der theoretischen Avantgarde
als heterosexistische Mythen, die es zu unterlaufen, nicht theoretisch
zu befestigen gilt. Castendyk zeigt sich dickfellig, sie mag Kontroversen.
„Theorie", sagt sie, „ist eine Sache der Leidenschaft."
Stephanie
Castendyk: Die Psychoanalyse als Grundlage eines nicht pathologischen
Verständnisses der weiblichen Homosexualität, in: Texte
aus dem Colloquium Psychoanalyse, Heft 3, Oktober 1998. |