Tagesspiegel, 29.12.1998, S. 27

Ödipus, anders gelöst
Für die Psychoanalyse sind Homosexuelle nach wie vor gestört / Neuer Theorieansatz

 

VON ANDREA ROEDIG

Homosexuelle sind krank. Das scheint die Auffassung deutschsprachiger
Psycho-analytischer Institute zu sein, die sich schwer tun mit Schwulen und Lesben in der Zunft. In der Regel werden Homosexuelle, aus mehr oder weniger offensichtlichen Gründen, nicht zur Psychoanalyse-ausbildung zugelassen. Nur wenigen gelingt es, an liberaleren Instituten, zum Beispiel in Frankfurt oder München, unterzukommen. Die Berufsdiskriminierung in diesem Sektor ist ein offenes Geheimnis, und sie hat einen einfachen Grund: Die Psychoanalyse kann kranke Homosexuelle erklären, gesunde nicht.
„Seit 1973 ist Homosexualität aus dem Internationalen Verzeichnis der Krankheiten (ICD) gestrichen, es gibt nach klinischen Kriterien gesunde Schwule und Lesben - doch der Psychoanalyse fehlt eine entsprechende Theorie dazu", konstatiert die promovierte Germanistin, Fernsehjournalistin und angehende Psychoanalytikerin Stephanie Castendyk. Sie skizziert, wie eine solche Theorie für die weibliche Homosexualität aussehen könnte.
Psychoanalytische Erklärungen der Homosexualität sind seit Freud nicht gerade liberaler geworden. Auch neuere Ansätze zu weiblicher Homosexualität können, so Castendyk, nicht recht überzeugen, weil sie entweder die frühe Mutter-Tochter-Beziehung über Gebühr erotisieren oder Homosexualität immer noch im Raum einer sehr frühen, also gravierenden, Störung ansetzen.
Aus diesem frühen, präödipalen Bereich will Castendyk die Homosexualität als „Krankheit" erlösen. Dazu bedarf es keiner generellen Revolution. Castendyk, die sich auf Irene Fast, Francoise Dolto und Jacques Lacan stützt, setzt einfach die vorhandenen Elemente der psychoanalytischen Begrifflichkeit anders zusammen.
Der Kern ihrer Überlegungen besteht dar- in, den so genannten Ödipuskomplex in zwei Phasen zu trennen und zwischen Liebe und sexuellem Begehren zu unterscheiden. Während Freud das Begehren als ein Kontinuum ansah, das, in verschiedene Stufen unterteilt, mit dem Ödipuskomplex zu genitaler Reife gelangt, nimmt Castendyk qualitativ unterschiedliche Phasen an. Am Anfang stünde eine Art autoerotischer Omnipotenz, in der das Kind nichts von einem Geschlechtsunterschied weiß und nicht ein „anderes Geschlecht" begehrt. Die Kränkung, die Freud noch „Penisneid" genannt hatte, ließe sich - für beide Geschlechter reformulieren als die kränkende Erkenntnis, nur ein Geschlecht, und nicht beide zu sein. Diese Erkenntnis - als erste Phase des Ödipuskomplexes - beendet frühkindliche Phantasien über die erotische Allmacht und schafft Raum für das, was man als Begehren „nach dem Anderen" bezeichnen kann. Dies erst wäre die eigentliche Geburtsstunde des sexuellen Begehrens, das nach Castendyk immer Differenz voraussetzt.


 

 

„Nur wenn ich eines bin, männlich oder weiblich, kann ich das andere begehren", argumentiert sie.
Jetzt erst beginnt - als zweiter Schritt - eine eigene „Positionierung" im erotischen
Dialog. Das Begehrensobjekt steht nicht - wie in Freuds Modell - schon vorher fest, es wird jetzt erst gewählt und kann, bei einer bestimmten Konstellation für das Mädchen, auch die Mutter sein.
Castendyks Modell erlaubt es, Homosexualität jenseits einer Regression auf eine frühe Entwicklungsphase oder der einer Störung der sexuellen Reifung zu denken. Homosexualität wäre einfach eine mögliche Lösung des ödipalen Konflikts. Eine „spezifische Konfliktsituation" muss indes vorliegen, denn, meint Castendyk, „Homosexualität ist nicht der Weg des geringsten Widerstandes, und es bedarf schon guter Gründe, um sie in unserer Gesellschaft als eine Lösungsstrategie zu wählen."
Mit der These von der „erotischen Positionierung" hat Castendyk gleichzeitig ein Rätsel über Bord geworfen, das Sigmund Freud zurückgelassen hatte: den so genannten Objektwechsel. Während für den kleinen Jun- gen das Geschlecht des ersten Liebesobjekts, der Mutter, im Regelfall mit dem der späteren Sexualpartner übereinstimmt, muss, nach Freuds Logik, beim Mädchen erklärt werden, wie sich das erotische Begehren überhaupt auf das männliche Geschlecht verschiebt. Mit der „erotischen Positionierung" wäre auch dieses Relikt hinfällig: Die Mutter ist zwar das erste Liebes-, nicht aber Begehrensobjekt. Das Kind „entscheidet sich", wenn auch vorbewusst, erst später für ein Objekt des Begehrens. Ein Objektwechsel vom Mutter zu Vater - so Castendyks einfache Antwort - findet beim Mädchen gar nicht statt, der „Wechsel" ist eine Wahl.
Dass sie sich mit ihrem Ansatz genau zwischen die Stühle der Psychoanalyse-Gemeinde und der Homo-Community setzt, weiß Castendyk. Die konservativen unter den Lehrpsychoanalytikern werden weiterhin versuchen, ihre Reihen gegen schwule und lesbische Anwärter zu schließen. Aus der Ecke der Homosexuellen ist andere Kritik zu erwarten. Die Kategorien „weiblich" und „männlich", mit denen Castendyk operiert, gelten bei der theoretischen Avantgarde als heterosexistische Mythen, die es zu unterlaufen, nicht theoretisch zu befestigen gilt. Castendyk zeigt sich dickfellig, sie mag Kontroversen. „Theorie", sagt sie, „ist eine Sache der Leidenschaft."

Stephanie Castendyk: Die Psychoanalyse als Grundlage eines nicht pathologischen Verständnisses der weiblichen Homosexualität, in: Texte aus dem Colloquium Psychoanalyse, Heft 3, Oktober 1998.