Der Tagesspiegel, 25.08.1998, S. 27

Das Unbewußte will unsterblich sein
Metaphern des Todes: Eine psychoanalytische Sicht

 

Wir wissen, dass wir sterben werden, und leben, als hätten wir ewig Zeit zur Verfügung. Wie dieser Widerspruch zwischen Wissen um Vergänglichkeit und Wunsch nach Unsterblichkeit bewältigt wird, mit welchen unbewussten Strategien der Todesverleugnung wir arbeiten, erklärte die Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser kürzlich in einem Vortrag „Metaphern des Todes und der Todesverleugnung in den un- bewussten Phantasien von Männern und Frauen". Zu dem Vortrag eingeladen hatte das Colloquium Psychoanalyse der FU.
Christa Rohde-Dachser ist Professorin am Institut für Psychoanalyse in Frankfurt am Main und Leiterin des dortigen Ausbildungsinstituts. Bekannt wurde sie vor allem mit ihrer Studie zu Borderline-Störungen sowie mit ihrer Arbeit zur feministischen Kritik der Psychoanalyse, „Expedition in den dunklen Kontinent". „Metaphern des Todes" untersucht Rohde-Dachser in einem seit fünf Jahren bestehenden Frankfurter Forschungs-projekt,
das anfänglich darauf ausgerichtet war, anhand von Interviews und prospektiven Tests unbewusste Wünsche und Phantasien von Männern und Frauen ans Licht zu bringen. „Wir stellten aber fest, dass die Interview-Texte latent sehr häufig um Tod und Todesbewältigung kreisten", sagte Rohde-Dachser. So begann sie sich für die Struktur unbewusster Todes- und Unsterblich-keitsphantasien zu interessieren.
Psychoanalytisch-tiefenhermeneutische Deutungen sind nicht leicht nachzuvollziehen. Sie konzentrieren sich vor allem auf Irritationen, auf eigentümliche Formulierun- gen und auf Widersprüche, um die latenten, unbewussten Inhalte der Rede freizulegen. Ein Proband der Studie beispielsweise schilderte die Geburt seiner Tochter als ein Liebeserlebnis. Bei der Niederkunft habe es Komplikationen gegeben, und während die Mutter des Kindes im Koma lag, hielt der Mann seine neugeborene Tochter stunden- lang im Arm und wollte sie auch auf Aufforderung der Krankenschwestern nicht wieder hergeben.

 

 

Das sei Liebe, gab der Proband zu Protokoll, eine Liebe, wie er sie seiner Mutter gegenüber nicht gespürt habe. Rohde-Dachser interpretierte diese zählte Erinnerung, in der die Sorge um im Koma liegende Ehefrau überhaupt k Rolle spielte, als Projektion. „Die geliebte und begehrte Mutter der frühen Kindheit wird in der Tochter neu zum Leben erweckt und die Zeit wird auf diese Weise zum Stillstand stand gebracht." Die Ehefrau dient einzig als Lebensspenderin für die Tochter. „Unsterblichkeit und Wiederherstellung des Paradieses durch die Opferung der Frau" nannt Rohde-Dachser diese Strategie der Todes- und Zeitverleugnung.
Der Kerngedanke in Rohde-Dachsers Deutungen ist die Koppelung von Todesthematik und so genanter „Urszene". Wenn Kind zum ersten Mal erkennt, dass die Eltern eine sexuelle Beziehung zueinander haben entsteht, so Rohde-Dachser, beim Kind Wissen um den Generationen- und Geschlechtsunterschied und damit auch eine erste Vorstellung von Zeit und Vergänglichkeit. Die Urszene ist daher nicht nur eine Szene der Trennung von der Mutter, sondern auch eine „Urszene der Sterblichkeit". „Tod und Urszene sind so miteinander verbunden, dass die unbewusste Verleugnung der Urszene immer auch Verleugnung des Todes ist und umgekehrt.
Ganz zufrieden war das Publikum allerdings nicht mit den vorgestellten Ergebnissen. „Methodisch ist das alles sehr vage“, kommentierte einer der Zuhörer. „Unser Unbewusstes glaubt nicht an den eigenen Tod, es gebärdet sich wie unsterblich" - sagte Freud. Damit lindert es die Kränkung über das Wissen von Tod und Trennung steht. Eines jedenfalls ist den Todesphantasien gemeinsam: Sie nehmen den Tod in eigene Regie. „Das Gefühl des passiven Ausgeliefertseins an den Tod macht einer aktiven Gestaltung Platz", stellte Rohde-Dachser fest. .Jedes Phantasma über den Tod ist damit gleichzeitig eine Form der Todesüberwindung."


VON ANDREA ROEDIG