Wir wissen,
dass wir sterben werden, und leben, als hätten wir ewig Zeit
zur Verfügung. Wie dieser Widerspruch zwischen Wissen um
Vergänglichkeit und Wunsch nach Unsterblichkeit bewältigt
wird, mit welchen unbewussten Strategien der Todesverleugnung
wir arbeiten, erklärte die Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser
kürzlich in einem Vortrag „Metaphern des Todes und
der Todesverleugnung in den un- bewussten Phantasien von Männern
und Frauen". Zu dem Vortrag eingeladen hatte das Colloquium
Psychoanalyse der FU.
Christa Rohde-Dachser ist Professorin am Institut für Psychoanalyse
in Frankfurt am Main und Leiterin des dortigen Ausbildungsinstituts.
Bekannt wurde sie vor allem mit ihrer Studie zu Borderline-Störungen
sowie mit ihrer Arbeit zur feministischen Kritik der Psychoanalyse,
„Expedition in den dunklen Kontinent". „Metaphern
des Todes" untersucht Rohde-Dachser in einem seit fünf
Jahren bestehenden Frankfurter Forschungs-projekt,das
anfänglich darauf ausgerichtet war, anhand von Interviews
und prospektiven Tests unbewusste Wünsche und Phantasien
von Männern und Frauen ans Licht zu bringen. „Wir stellten
aber fest, dass die Interview-Texte latent sehr häufig um
Tod und Todesbewältigung kreisten", sagte Rohde-Dachser.
So begann sie sich für die Struktur unbewusster Todes- und
Unsterblich-keitsphantasien zu interessieren.
Psychoanalytisch-tiefenhermeneutische
Deutungen sind nicht leicht nachzuvollziehen. Sie konzentrieren
sich vor allem auf Irritationen, auf eigentümliche Formulierun-
gen und auf Widersprüche, um die latenten, unbewussten Inhalte
der Rede freizulegen. Ein Proband der Studie beispielsweise schilderte
die Geburt seiner Tochter als ein Liebeserlebnis. Bei der Niederkunft
habe es Komplikationen gegeben, und während die Mutter des
Kindes im Koma lag, hielt der Mann seine neugeborene Tochter stunden-
lang im Arm und wollte sie auch auf Aufforderung der Krankenschwestern
nicht wieder hergeben.
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Das
sei Liebe, gab der Proband zu Protokoll, eine Liebe, wie er sie
seiner Mutter gegenüber nicht gespürt habe. Rohde-Dachser
interpretierte diese zählte Erinnerung, in der die Sorge um
im Koma liegende Ehefrau überhaupt k Rolle spielte, als Projektion.
„Die geliebte und begehrte Mutter der frühen Kindheit
wird in der Tochter neu zum Leben erweckt und die Zeit wird auf
diese Weise zum Stillstand stand gebracht." Die Ehefrau dient
einzig als Lebensspenderin für die Tochter. „Unsterblichkeit
und Wiederherstellung des Paradieses durch die Opferung der Frau"
nannt Rohde-Dachser diese Strategie der Todes- und Zeitverleugnung.
Der Kerngedanke in Rohde-Dachsers Deutungen ist die Koppelung von
Todesthematik und so genanter „Urszene". Wenn Kind zum
ersten Mal erkennt, dass die Eltern eine sexuelle Beziehung zueinander
haben entsteht, so Rohde-Dachser, beim Kind Wissen um den Generationen-
und Geschlechtsunterschied und damit auch eine erste Vorstellung
von Zeit und Vergänglichkeit. Die Urszene ist daher nicht nur
eine Szene der Trennung von der Mutter, sondern auch eine „Urszene
der Sterblichkeit". „Tod und Urszene sind so miteinander
verbunden, dass die unbewusste Verleugnung der Urszene immer auch
Verleugnung des Todes ist und umgekehrt.
Ganz zufrieden war das Publikum allerdings nicht mit den vorgestellten
Ergebnissen. „Methodisch ist das alles sehr vage“, kommentierte
einer der Zuhörer. „Unser Unbewusstes glaubt nicht an
den eigenen Tod, es gebärdet sich wie unsterblich" - sagte
Freud. Damit lindert es die Kränkung über das Wissen von
Tod und Trennung steht. Eines jedenfalls ist den Todesphantasien
gemeinsam: Sie nehmen den Tod in eigene Regie. „Das Gefühl
des passiven Ausgeliefertseins an den Tod macht einer aktiven Gestaltung
Platz", stellte Rohde-Dachser fest. .Jedes Phantasma über
den Tod ist damit gleichzeitig eine Form der Todesüberwindung."

VON ANDREA ROEDIG
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